1908–1940 1940–1945 1945–1949 1950–1965 1965–1976 1977–1998 1999–2009

Im hohen Alter erhält Rupprecht Geiger weiterhin wichtige Aufträge für Arbeiten im öffentlichen Raum: 1999 konzipiert er eine Art Fries für einen Protokollraum im Reichstagsgebäude des Deutschen Bundestags in Berlin. Ebenfalls mit Modulationen von Gelb zu Orange gestaltet er den Firmeneingangsbereich der WWK Versicherungen in München. Eine raumbezogene Arbeit aus dem gleichen Jahr findet viel Beachtung: In der Heiliggeistkirche in Landshut zeigt Rupprecht Geiger zwei monumentale, beidseitig bemalte Fahnen in den Farben Gelb ›Morgen Rot‹ und Rot ›Abend Rot‹. 2002 wird er eingeladen, Deutschland auf der XXV. Bienal de São Paulo in Brasilien zu repräsentieren: Hierfür entwirft er eine Rauminstallation, die aus vier großformatigen Leinwänden besteht, einer der letzten Höhepunkte in seinem künstlerischen Oeuvre.

Rupprecht Geiger im Atelier, München 2004; Foto: Norbert Schmalen, Dierdorf
Rupprecht Geiger im Atelier, München 2004; Foto: Norbert Schmalen, Dierdorf

Ab Mitte der neunziger Jahre beschäftigt sich Rupprecht Geiger neben seinen Gemälden, Zeichnungen und druckgrafischen Arbeiten mit einem neuen Medium, die Collagen. Zunächst collagiert er farbige Papier- und Kartonstücke in zweidimensionalen, mosaikartigen Werken. Nach und nach geht er in die Dreidimensionalität über und bedient sich dabei den verschiedenartigsten, im Laufe der Jahre gesammelten Fundstücke: Stoffreste, Plastikfolien, Holzstücke, Metallplatten, angetrocknete Farbpigmente und andere Materialien kommen zum Einsatz.

»Momentan beschäftigt mich besonders der Farbausdruck des Amorphen im toten Material der Natur. Seine Farblosigkeit und Zurückgezogenheit von der allgemeinen farbigen Erscheinung ist für mich ein interessanter Gegenpol zur Lebendigkeit der Farbe, zur leuchtenden Farbe, insbesondere meiner Leuchtfarben. Materie gegen Geist.«
(In einem Interview 14.11.1997, S. 13)

Die Arbeit mit der Materie führt zu der Entstehung der kleinen Werkgruppe ›Geist und Materie‹ von 2003 und 2004, ein weiterer Höhepunkt im Spätwerk Geigers. Bei diesen Gemälden belässt er einen Teil der Leinwand ungrundiert und setzt deren rohen, grauen Charakter in Kontrast zur Farbe. Diese Werkgruppe zeugt einmal mehr von der außergewöhnlichen Vitalität des Künstlers: Er ist bei ihrer Entstehung über 95 Jahre alt.


Anlässlich seines 95. Geburtstags erscheint das ›Werkverzeichnis 1942–2002‹. Vorausgegangen sind 1999 die Gründung der Rupprecht-Geiger-Gesellschaft, Verein zur Förderung des Werks von Rupprecht Geiger e. V., mit Sitz in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und die längjährige, durch die Kunsthistorikerin Pia Dornacher und die Kunstgeschichtestudentin Julia Geiger durchgeführte Bearbeitung der aufwendigen Publikation. Neben den Informationen und Abbildungen zu mehr als 900 Gemälden und Objekten beinhaltet diese ein ausführliches Kapitel über die architekturbezogene Kunst. 2007 erscheint bereits ein erster Nachtrag zum Werkverzeichnis sowie das ›Werkverzeichnis der Druckgrafik 1948–2007‹.


Das Jahr 2007 steht hauptsächlich im Zeichen der Vorbereitungen zu den zahlreichen Ausstellungen anlässlich des 100. Geburtstags von Rupprecht Geiger. Doch wirft auch ein trauriges Ereignis seine Schatten: Monika Geiger nimmt nach langjähriger Krankheit Abschied. Mehr als 70 Jahre war sie nicht nur Ehefrau und treue Begleiterin, sondern unterstützte ihren Mann, wo immer sie konnte.


Der Auftakt zu den Feierlichkeiten und Ausstellungen zum 100. Geburtstag gibt die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München mit einer viel besuchten und bewunderten Retrospektive. Zusätzlich zu einer exklusiven Auswahl an Gemälden, druckgrafischen Werken und Modellen werden dem Publikum zum ersten Mal auch einige Collagen gezeigt. Die ›Rote Trombe‹ sowie die zwei Fahnen ›Morgen Rot‹ und ›Abend Rot‹ im Haus der Kunst ergänzen in München diesen Gesamtüberblick. Im Sommer geht die Retrospektive ins Museum für Gegenwartskunst nach Siegen. Auch die Bundeshauptstadt widmet dem Künstler eine spannende Einzelausstellung in den Räumen der Neuen Nationalgalerie Berlin.


Den zahlreichen Würdigungen zum Trotz sieht sich Rupprecht Geiger nicht am Ziel seiner künstlerischen Arbeit. Er begibt sich weiterhin jeden Tag für einige Stunden in sein Atelier und arbeitet an verschiedenen Projekten. Den Weg zu seiner Arbeitsstätte wird er bis kurz vor seinem Tod, am 6. Dezember 2009, Tag für Tag bestreiten, um dort, umgeben von seinen ausdrucksstarken Farben, ein wenig Kraft und Energie zu tanken.